Anhang II – Interview mit dem Wundabunten Straszenpunk

Frage 01: Du kommst noch recht jung rüber, magst du mir deinen Jahrgang verraten?
Jahrgang 1996 .

Frage 02: Welche Rolle nimmt Straßenmusik für dich ein?
Immer noch eine sehr große, obwohl ich in letzter Zeit kaum dazu komme. Bis vor einem Jahr bin ich noch mit meiner Gitarre durch die Gegend gereist und habe hier und dort gespielt.

Frage 03: Wie bist du zur Straßenmusik gekommen?
Damals kurz bevor ich in die RAK reingekommen bin, da habe ich ein paar Leute kennen gelernt, die das gemacht haben. Über Freunde. Da hatte ich eigentlich voll Bock drauf und im Prinzip bin ich dann mit denen los in andere Städte und habe das ausprobiert. Das hat viel Spaß gemacht und war ziemlich abwechslungsreich. Immer was Neues, was man erlebt hat, viele Leute getroffen.

Frage 04: Was ist für dich der wichtigste Aspekt der Straßenmusik?
Ich denke halt Leute vielleicht irgendwie mal dazu bringen stehenzubleiben, einem zuzuhören und sie vielleicht für den kurzen Moment über bestimmte Sachen nachdenken zu lassen. Das sie in dem Moment auch einfach aus ihrem Alltag rausgerissen werden, aus ihrem Trott, indem sie stehen bleiben und vielleicht auch einfach mal träumen können, für ‘ne kurze Zeit entfliehen können. Zum Andern war’s für mich damals, als ich das noch ‘nen bisschen häufiger gemacht habe ein ziemlich essentieller Aspekt weil ich dadurch in einigen Städten auch relativ viel Geld gemacht habe und man dadurch ganz gut überleben konnte. Ja ich glaube das sind diese zwei Punkte, die da für mich ‘ne große Rolle spielen.

Frage 05: Ich habe in meinen Recherchen bisher drei politische Aspekte an Straßenmusik ausgemacht, mit denen ich mich beschäftige: Straßenmusik als Mittel, politische Inhalte weiterzutragen; ihre Fähigkeit zur Identitätsstiftung innerhalb politischer (Sub-)Kulturen und die politische Bedeutung, die Straßenmusik selbst dann inne hat, wenn der von ihr transportierte Inhalt an sich gar nicht primär politischer Natur ist. So stellt Straßenmusik immer auch eine Aneignung von öffentlichen Räumen und eine Belegung dieser mit einer neuen Funktion dar. Würdest du diese Beobachtungen teilen oder setzt du da für dich (noch) andere Prioritäten?
Spontan zum Letzten habe ich ganz oft erlebt, dass empörte Geschäftsbetreiber aus ihren Läden kamen und einem gesagt haben, das ginge ja gar nicht, schon seit Stunden wird hier beschallt von Musik und da drinnen in dem Geschäft da hallt das so sehr. Das waren natürlich nicht irgendwelche Läden, das waren natürlich die großen Luxusläden irgendwie in der ganzen Einkaufszone. Und da habe ich gesagt »na da musste jetzt einfach mit Leben.« »Ja dann rufen wir jetzt die Polizei.« und so. Naja, bin halt oft vertrieben worden. Und bin dann einfach wenn ich keine Lust drauf hatte 500 Meter weiter gegangen, dass man da keine Probleme bei bekommt.

Und die anderen Aspekte: also innerhalb der Szene kommt das natürlich super gut an, wenn man halt Musik schreibt und Lieder macht, und sehr zum denken anregende Texte produziert. Finden sie schon gut, die besuchen dann auch gerne die Konzerte und geben eigentlich auch immer ‘nen positives Feedback. Nur für das politische Nachdenken oder Menschen zu ‘nem Handeln zu bewegen reicht es dann nicht, meistens. Ich finde, dass das Zitat aus ‘nem Lied von Alex von den Zaungästen ganz gut passt: »von ‘nem netten Konzert, da hat sich noch nie was getan.« Ich denke, das stimmt auch. Also ich glaube ein Konzert kann einem ganz viel Kraft geben, kann einen träumen lassen, aber mehr auch nicht. Ich denke, so wirklich krass zum Nachdenken kommt man da nicht bei.

Frage 06: Wenn es schon in die Szenen rein schwer ist, wie ist es dann nach außen? Gibt es da Feedback von den Menschen?
Nach außen auf der Straße gibt’s Feedback von Menschen, von wenigen Menschen, also von den wenigen, die sich die Zeit nehmen und vielleicht auch nochmal zwei Lieder stehen bleiben. Die geben einem auch meist positives Feedback. Aber klar, sie sind ja auch stehen geblieben, sie fanden halt die Musik in dem Moment schön. Zum anderen hat man aber auch manchmal Diskussionen auf der Straße mit Menschen so über Dinge und das finde ich dann halt auch gut. Also die Gitarre dann auch weglegen zu können und durch diese Musik die man gemacht hat, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ja, weil dadurch bringt man ja auch Gedanken letztendlich in die Gedanken der Köpfe von Leuten. Durch die Diskussionen die man da hat, ich denke, dass die Leute, wenn sie solche Diskussionen führen auf der Straße, sicherlich auch die Diskussion weiter tragen.

Frage 07: Schon Erfahrungen mit Repressionsorganen gemacht?
Ich hatte vorhin schon mal gesagt, dass man manchmal von der Obrigkeit halt weggeschickt wird, das ging bei mir bis jetzt noch nie dahin, dass ich irgendwie festgenommen worden wäre und mich hätte in den Streifenwagen zerren lassen müssen. Also das ging bis jetzt immer von der Androhung eines Ordnungsgeldes bis hin zum Ordnungsgeld, das ich habe zahlen müssen. Oder ich hatte es zum Beispiel auch schon mal in Freiburg, dass ich 22:00 Uhr auf der Straße saß, in ‘ner kleinen Runde auf’m Platz halt leise spielte und dann hielt direkt eine Wanne an und dann stiegen da sechs Bullen aus. Der eine kam direkt voll aggressiv auf uns zu und meinte, es ist 22:00 Uhr, hier wird keine Musik mehr gemacht und da gab’s auch gar keine Diskussion. Und entweder ich hätte ihm jetzt meinen Ausweis gegeben oder er hätte mich gleich mitgenommen auf die Wache und die Gitarre beschlagnahmt, was er sowieso gemacht hätte, wenn ich noch einmal angefangen hätte zu spielen. Das fand ich schon ziemlich krass. Die sind da ‘nen bisschen heftiger, ich denke, dass wäre hier gar kein Problem in Berlin oder sonst woanders. Um 22:00 Uhr Gitarre zu spielen, da würde sich niemand dran stören.

Frage 08: Es ist ja auch so, dass in jeder kleinen Gemeinde eine eigene Satzung für die Sondernutzung der Straßen herrscht.
Ja, dass ist natürlich auch immer so’n ziemlich großer Faktor dabei. Wenn ich mir zum Beispiel anschaue, dass ich in einigen Städten eineinhalb Stunden an einem Punkt stehen bleiben darf und in einer anderen nur ‘ne halbe Stunde, danach muss ich mich irgendwie 500 Meter von meinem vorigen Standpunkt weg bewegen, damit ich weiterspielen darf, dann ist das schon ‘ne ziemlich große Einschränkung. Weil, was ist ‘ne halbe Stunde? Eine halbe Stunde ist gar nichts. In ‘ner halben Stunde fängst du erst an aufzubauen und zu spielen und erst nach ‘ner halben Stunde da hast du meistens irgendwie ‘ne kleine Traube an Menschen, die vielleicht mal stehen bleiben und dann sollst du abhauen und weiterziehen. Das macht überhaupt keinen Sinn – also für’s Straßenmusik machen.

Frage 09: In vielen Gemeinden muss mensch eine Sondernutzungsgenehmigung beantragen um Straßenmusik machen zu dürfen. Da ist Straßenmusik dann anmelde- und gebührenpflichtig. Hast du damit schon Erfahrung gemacht?
Ich habe bisher noch nie meine Straßenmusik irgendwo angemeldet und in allen Städten wo ich war hat auch noch nie jemand was verlangt. Ich bezweifle, dass das überhaupt irgendjemand anmeldet. Keine Ahnung. Ich fände es sehr komisch. Ich kann’s mir in Berlin vielleicht noch vorstellen, wenn sich Leute an die Warschauer Straße stellen oder an den Alexanderplatz.

Frage 10: Neben repressiven Maßnahmen, welche Straßenmusiker*innen immer wieder treffen, gibt es auch Versuche, sie im Rahmen einer kulturalisierten Ökonomie zu vereinnahmen und zu verwerten (z.B. als kulturelle Werbemittel für Öko-Märkte oder um die kulturelle Attraktivität von Stadtvierteln zu steigern). Wie schätzt du solche Entwicklungen ein?
Ich finde das tatsächlich ziemlich problematisch, weil es natürlich ziemlich viele Straßenkünstler gibt / Straßenkünstlerinnen gibt, die quasi ‘ne Kunst machen auf der Straße, die halt keine Rebellion zeigt, die keinen politischen Inhalt hat und die halt einfach nur zum Konsumieren da ist. Was ich aber in einer Einkaufszone ziemlich sinnfrei finde, da man in der Einkaufszone sowieso da ist um zu konsumieren. Warum soll ich dann noch Musik machen, die auch zum konsumieren gedacht ist? Da habe ich gar keinen Bock drauf, die Leute so zu berieseln mit irgendwelchen englischen Texten, die sie auch gar nicht zu verstehen brauchen. Ich denke der Trick ist dabei einfach aus der Norm zu fallen bei den ganzen Straßenmusikern und Punkte anzusprechen, die die Leute nicht gerne hören. Und ihnen vielleicht auch in dem Moment, wo sie kurz davor sind in das Luxusgeschäft gegenüber reinzugehen, wo mich die Verkäuferin schon vorher vertreiben wollte, ihnen kurz davor noch ein schlechtes Gewissen zu machen, dort rein zugehen.

Frage 11: Ist Straßenmusik für dich ein Mittel der politischen Kommunikation?
Ja.

mehr zum Wundabunten Straszenpunk findet sich unter http://wundabunt.weebly.com/.

zurück zur Übersicht