Der Tod eines Projekts – Ein Mangel an Reflexion

Das Hausprojekt Wilder Vogel, welches ich vor etwas mehr als zwei Jahren mit-initiierte, ist tot – ein Umstand, welcher mich nicht nur sehr traurig stimmt, sondern auch zu Reflexion anregen muss. Was ist geschehen? Im vierten Quartal des Jahres 2015 gründete ich mit einigen Freund*innen eine Hausprojektgruppe.1 Unser erklärtes Ziel war es, »gemeinsam ein Haus mit Leben [zu] füllen«.2 In unserem Selbstverständnis schrieben wir: »Als Gruppe von schrägen Vögeln unterschiedlichen Alters mit verschiedenen politischen Schwerpunkten möchten wir gemeinsam nach innen (in unser Haus hinein) und außen (aus dem Haus heraus; z.B. in den Kiez, in die Stadt, in die Welt) wirken. Wir suchen nach alternativen Formen zusammenzuleben und die Welt ökologisch-nachhaltig und gerecht zu gestalten.«3 Für unser Miteinander proklamierten wir einen respektvollen und offenen Umgang, der von Reflexion geprägt sein sollte.4 Es folgte viel Arbeit, in die sich manche mehr und andere weniger einbrachten, was okay war, da wir ja trotzdem gemeinsam wirkten und Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen auch unterschiedliche Möglichkeiten zur Beteiligung an anfallenden Aufgaben haben. Ich steckte viel Energie in das Projekt, welches mir extrem wichtig war. Kam es zu internen Konflikten, war ich daher immer wieder mit dabei und fand in der Reflexion von Auseinandersetzungen häufig auch eigene Fehler. Da eine ehrliche Selbstreflexion in meinen Augen extrem wichtig ist, um in Konfliktsituationen fair miteinander umzugehen, forderte ich immer wieder dazu auf, Fehler nicht nur bei anderen zu suchen.

»Es gibt nichts – nichts, was dich besser macht als mich. Denn auch du hast deine Fehler, deine Fehler so wie ich. Und die Fehler sind nix falsches, sie gehören zu dir und mir. Und wenn du's nicht auf die Reihe kriegst, kann niemand was dafür.« (Raum der Zeit von Wizo)

Mit diesen Zeilen bringt Wizo so großartig auf den Punkt, was mir in einer selbst- und identitätsverliebten und sich oft ihrer Geschichte und Traditionen unbewussten, linken Szene fehlt. Am 15.11.2017 zog ich für mich die Notleine und verließ das Projekt, nachdem sich zwei Mitglieder der Gruppe immer wieder durch einseitige Schuldzuweisungen in Konfliktsituationen gegen mich hervor getan hatten und auch nach wiederholter Aufforderung nicht zur Reflexion eigener Fehler bereit waren. Das Verhalten von Szenemackern an den Tag legend, fühlten sie sich offenbar überlegen genug, jede Kritik von sich weisen zu können. Auf meinen Austritt wurde mit Oberflächlichkeit reagiert. Mir folgte eine weitere sehr aktive Person und so übernahmen Schwätzer, die super progressiv tun, aber nie etwas Progressives tun, langsam die Kontrolle. Das Projekt begann einzuschlafen. Durch neue Mitglieder sollte dies ausgeglichen werden. Da die beiden wortführenden Macker hierbei nicht auf die Bedürfnisse der einzige Person achteten, die als nicht-cis-männlich in der Gruppe verblieben war, sah sich nun auch diese genötigt, aus der ansonsten rein männlichen Gruppe auszutreten… wieder eine aktive Person weniger und immer weniger die Gruppe, als welche wir mal angetreten waren. Für mich ist das Hausprojekt Wilder Vogel damit tot.

Hätte ich das Projekt retten können, wenn ich anders gehandelt hätte? War mein Austritt die falsche Reaktion? Vielleicht… Doch er war für mich auch die einzige gangbare Option, nachdem ich bestimmtes Verhalten wiederholt als seelisch übergriffig kritisiert hatte, was lediglich mit Konter-Vorwürfen an mich abgetan wurde. Das Projekt war für mich zu etwas verkommen, was ich auch in großen Teilen der linksautonomen Szene sehe: Statt als Organisation Teil einer progressiven Bewegung, war es ein identitätsverliebter Gutfühlhaufen, der in mangelnder Reflexion und Analyse dazu verdammt ist, die selben Fehler immer wieder zu wiederholen.5 Dort geht es nur um Gesten und viel zu selten um Taten. Und wer etwas Unbequemes dazu sagt, sich nicht angepasst verhält, wird im besten Fall oberflächlich fallen gelassen. Alternative Formen zum Zusammenleben und eine ökologisch-nachhaltige und gerechte Welt werden so nicht geschaffen.


2 Selbstverständnis (V20170125). Hausprojekt Wilder Vogel e.V.“, Hausprojekt Wilder Vogel e.V. 2017, S. 1.

3 Ebd.

4 Ebd., S. 1–2.

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