{"id":7382,"date":"2021-03-17T17:06:17","date_gmt":"2021-03-17T15:06:17","guid":{"rendered":"https:\/\/tintenwolf.mrkeks.net\/?p=7382"},"modified":"2024-10-03T00:20:51","modified_gmt":"2024-10-02T22:20:51","slug":"einseitige-mythenbildung-es-gibt-auch-eine-marxistische-mythenbildung-zu-kronstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tintenwolf.mrkeks.net\/en\/einseitige-mythenbildung-es-gibt-auch-eine-marxistische-mythenbildung-zu-kronstadt\/","title":{"rendered":"Einseitige Mythenbildung \u2013 Es gibt auch eine marxistische Mythenbildung zu Kronstadt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der vorliegende Text entstand als <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/aktuell\/rubrik\/leserbriefe.php?letterId=49687\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Leser*innenbrief an die junge Welt (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Leser*innenbrief an die junge Welt<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie gerade in eurem Aktionsb\u00fcro bekannt sein d\u00fcrfte, bin ich begeisterter Leser der jungen Welt. Was ich an ihr vor allem sch\u00e4tze, ist, dass sie als marxistische Tageszeitung nie aus den Augen verliert, dass es weitere linke Str\u00f6mungen gibt, und auch diesen gegen\u00fcber eine solidarische Haltung einnimmt. Gerade als 2016\/17 der 80. Jahrestag des Beginns des Spanischen B\u00fcrgerkrieges und der sogenannten Maiereignisse in Barcelona anstand, wurde recht objektiv auf die innerlinken Konflikte damals eingegangen. Erinnert sei hier vor allem an den Artikel \u00bb<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Die tragische Woche (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/309932.die-tragische-woche.html\" target=\"_blank\">Die tragische Woche<\/a>\u00ab von Werner Abel am 04.05.2017. Damals habt ihr mich dazu bewegt, die Abschlussarbeit meines Geschichtsstudiums dem Thema \u00bb<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Die Aufst\u00e4nde von Kronstadt (1921) und Barcelona (1937) in der Rezeption von Marxist*innen und Anarchist*innen (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/tintenwolf.mrkeks.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Meas_Wolfstatze_-_Marxismus-Anarchismus.pdf\" target=\"_blank\">Die Aufst\u00e4nde von Kronstadt (1921) und Barcelona (1937) in der Rezeption von Marxist*innen und Anarchist*innen<\/a>\u00ab (dort finden sich auf Seite 16-34 auch weiterf\u00fchrende Ausf\u00fchrungen zur anarchistischen &amp; marxistischen Mythenbildung um Kronstadt sowie genaue Quellenangaben) zu widmen. Ich habe mich in diesem Rahmen mit der Mythenbildung auf beiden Seiten besch\u00e4ftigt. Das Thema ist spannend und kontrovers. F\u00fcr die Anregung, die mir damals durch die junge Welt zuteil wurde, bin ich bis heute dankbar, weil sie stumpfe Schwarz-Wei\u00df-Schemata, die ich in meinem Kopf hatte aufl\u00f6ste und mich dazu anregte, mehr die Gemeinsamkeiten denn die Differenzen der verschiedenen progressiven Bewegungen zu betrachten. Damals begann ich ganz im Sinne Fidel Castros die Einheit der Linken in den Fokus zu nehmen. Entsprechend erschrocken war ich, als ich auf den Themenseiten der jungen Welt zum 09.03.2021 den Artikel zum \u00bb<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Mythos Kronstadt (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/398069.geschichte-der-sowjetunion-mythos-kronstadt.html\" target=\"_blank\">Mythos Kronstadt<\/a>\u00ab von Elisa Nowak las. Es ist quasi unm\u00f6glich, dem Thema gerecht zu werden, wenn derart einseitig Quellen herangezogen werden und Trotzki und Lenin in diesem Konflikt auf solch unhinterfragte Weise wiedergegeben werden. Die Bezugnahme auf eine Mythenbildung auf anarchistischer Seite ohne auch die Mythenbildung auf bolschewistisch-marxistischer Seite zu hinterfragen, muss notgedrungen in einer Rechtfertigungsfarce enden, die es nicht schaffen kann, die Gr\u00fcnde und Abw\u00e4gungen, die hinter dem Sturm auf Kronstadt und der dem zuvor gehenden Aufl\u00f6sung der Sowjets standen, aufrecht darzulegen. Die Analysen von Lenin sind hierbei durchaus wichtig. Es muss aber in die Betrachtung einbezogen werden, dass er damals auf einer Seite in diesem innerlinken Konflikt stand und somit nicht frei von eigenen Motiven war, die seine Analyse f\u00e4rben. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Trotzki, auch wenn mich dessen anti-b\u00e4uerliche Ressentiments, die bis heute die ablehnende Haltung von Trotzkist*innen gegen\u00fcber der ruralen Kubanischen Revolution begr\u00fcnden, soweit abschrecken, dass ich mit ihm nie recht warm wurde. Behauptungen vom wei\u00dfarmisten Koslowski werden in dem Artikel unhinterfragt hingenommen. Mit keinem Wort wird erw\u00e4hnt, dass Koslowski mit der Oktoberrevolution der baltischen Flotte der Roten Armee beitrat und dort f\u00fcr seine Loyalit\u00e4t ausgezeichnet wurde. Auch, dass er keine f\u00fchrende Position beim Kronst\u00e4dter Aufstand innehatte, wird unterschlagen und einfach gegenteiliges behauptet. Bei einer ehrlichen Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse muss festgehalten werden, dass die marxistische Propaganda gegen ihn ebenso haltlos ist, wie die anarchistische gegen Tuchatschewski. Schreibt Nowak an solchen Stellen wissentlich spalterisch oder fehlt ihr schlicht das historische Wissen? Die Behauptung, dem aufst\u00e4ndischen Verhalten der Kronst\u00e4dter Matrosen lege, nach einem Austausch durch die hohen Verluste im B\u00fcrgerkrieg, ein mangelnder Klassencharakter zugrunde, kann historisch wohl zumindest als strittig betrachtet werden. Was der Artikel gut auffasst, ist zumindest die schwierige \u00f6konomische Lage, in der sich die verschiedenen revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte in Russland damals befanden. Was Nowak jedoch nicht gelingt ist, zu betrachten, dass es u.a. mit den Matrosen und Arbeiter*innen von Kronstadt auch abseits der Bolschewiki proletarisch-revolution\u00e4re Kr\u00e4fte in Russland gab. Der Artikel liest sich unter diesem Blickpunkt bestenfalls dogmatisch und versucht, eben die Bolschewiki als einzige revolution\u00e4re Kraft darzustellen. Er untersucht nur in einem Mindestma\u00df die \u00f6konomischen Gr\u00fcnde f\u00fcr das Zerw\u00fcrfnis zwischen den Arbeiter*innen von Kronstadt und der bolschewistischen F\u00fchrung und betrachtet nicht die Privilegien, die Mitglieder der Partei in eben der schweren Lage genossen. Stattdessen ergibt er sich in weiten Teilen einer simplen Freund-Feind-Logik. Nur weil kapitalistische Staaten ein Interesse an einem Konflikt zwischen den Revolution\u00e4r*innen von Kronstadt und jenen in der KPR(B) hatten, hei\u00dft dies noch nicht, dass Erstere deren Einfl\u00fcsterungen gefolgt w\u00e4ren. Wer dies behauptet, statt die objektiven Bedingungen f\u00fcr deren Aufstand zu untersuchen, f\u00e4llt auf das alte Teile-und-Herrsche herein, statt Geschichte zu analysieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Kronstadt als Wunde in der Geschichte zwischen verschiedenen linken Traditionen gerecht zu werden, h\u00e4tte Nowak der Mythenbildung auf beiden Seiten nachgehen m\u00fcssen, statt einseitig Partei zu ergreifen. In der gew\u00e4hlten Form stimmt sie lediglich in das Zetergeschrei um Kronstadt ein, auch wenn sie hierbei auf der anderen Seite steht, als jene, die von Trotzki adressiert wurden. Die Gleichsetzung anarchistischer und wei\u00dfgardistischer Armeen ist ebenso ahistorisch, wie \u00e4hnliche Behauptungen von anarchistischer Seite gegen die Bolschewiki.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df, ihr k\u00f6nnt das besser und so hoffe ich darauf, dass der Aufstand von Kronstadt 100 Jahre sp\u00e4ter in der jungen Welt noch etwas objektiver aufgegriffen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Solidarische Gr\u00fc\u00dfe,<br>Meas Tintenwolf<\/p>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:center \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7382?pdf=7382\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> PDF<\/a>\n\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_7382 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-en_GB sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_7382')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_7382').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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